"Effekt tendiert gegen null" | Kinder nicht klüger durch längeren Mutterschutz 21. Juli 2008 
 
Herr Dustmann, eine von Ihnen miterarbeitete Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Länge des Mutterschaftsurlaubs keinen Einfluss auf die schulische und berufliche Entwicklung der Kinder hat. Hat Sie das überrascht?

 

Ja. Dass es durch die drei untersuchten Reformen des Mutterschutzes 1979, 1986 und 1992 keine nennenswerten Effekte auf Löhne, Arbeitslosigkeit und Schulwahl der Kinder gab, obgleich die Reformen zu einem späteren Berufswiedereinstieg der Mütter führten, hätte ich nicht erwartet.

 

Was war Ihre Intention?

 

Diese Debatte um Elternzeit und Kindererziehung wird von allen Seiten sehr emotional geführt, und wir wollten Informationen und harte Fakten in die Diskussion einbringen. Denn immer wieder werden das Wohl des Kindes und die persönliche, schulische und berufliche Entwicklung als Argument angeführt. Ob das so ist, wollten wir überprüfen.

 

Manche bisherigen Studien kommen zu anderen Ergebnissen. Was unterscheidet Ihre von den anderen Untersuchungen?

 

Keine der bisherigen Studien konnte kausale Zusammenhänge zwischen der Länge des Mutterschutzes und den schulischen sowie beruflichen Entwicklungschancen der Kinder aufzeigen. Mit unserer Studie können wir erstmals zeigen, dass Kinder, die kurz nach Inkrafttreten eines längeren Mutterschutzes geboren sind, nicht häufiger ins Gymnasium gehen oder seltener arbeitslos sind, als Kinder, die kurz vorher geboren wurden.

 

Sind also längerer Mutterschutz und längere Stillzeit für Kinder nicht sinnvoll?

 

Das können wir so nicht sagen. Es mag Einflüsse auf die frühkindliche Entwicklung, den Charakter oder was auch immer geben. Auch vielleicht langfristige Effekte, die andere Indikatoren haben als Schule, Einkommen und Beschäftigung. Wir können aber mit unserer Studie Mutter und Kind sozusagen nicht direkt zusammenbringen und auf das soziale Umfeld eingehen. Das wird Teil unserer künftigen Forschung sein. Aber wir können klar sagen, dass die drei analysierten Reformen keinen Einfluss auf die späteren beruflichen und schulischen Entwicklungen der betroffenen Kinder hatten.

 

Sie untersuchen die Verlängerung des Mutterschutzes 1979. Viele 1979 Geborene studieren 2004, am Ende des Untersuchungszeitraums, noch und können nicht in Erwerbsstatistiken auftauchen.

 

Darauf wird in der Studie auch hingewiesen. Aber wenn es so wäre, müsste es eine Diskontinuität nach Inkrafttreten der Reform geben. Zum Beispiel, dass weniger Kinder aus dem Zeitraum nach Inkrafttreten der Reform im Arbeitsmarkt sind als Kinder vor Inkrafttreten der Reform. Das ist aber nicht der Fall.

 

Auch Ostdeutschland findet keinen Eingang in die Studie.

 

Dafür hatten wir leider keine Daten. Zudem waren die Reformen von 1979 und 1986 nur für Westdeutschland relevant. Aber die Frage ist hochinteressant und Teil unserer aktuellen Forschung, zu der wir vielleicht in einem Jahr genauere Ergebnisse haben.

 

Sie kommen an einigen Stellen sogar statistisch zu negativen Auswirkungen der Reformen. So stellen Sie bei Ihrer Untersuchung der Reform 1979 in einigen Altersgruppen einen leicht negativen Einfluss des längeren Mutterschutzes auf Bildung und Einkommen der Kinder fest. Muss man jetzt völlig umdenken?

 

Klar ist, dass wir die Resultate unserer Analyse sehr vorsichtig und sehr konservativ interpretieren. Wir kommen zu dem Schluss, dass der Effekt der drei analysierten Reformen auf Schulwahl, Löhne und Beschäftigung gegen null tendiert. Und an diesen Ergebnissen müssen Kritiker erst einmal vorbeikommen.

 

Das Elterngeld scheint in Deutschland ein großer Renner zu sein. Wird sich das durch Ihre Studie ändern?

 

Dazu kann ich nichts sagen. Das haben wir bisher nicht untersucht.

 

 

Christian Dustmann, geboren in Nordrhein- Westfalen, ist Wirtschaftswissenschaftler und lehrt am University College London. Mit ihm sprach Christian Tretbar.

 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 21.07.2008)

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