DOSSIER

Lohnverhältnisse wie in den USA

von Monika Dunkel (Berlin)

 

Die Lohnschere klafft in Deutschland stärker auseinander als bisher von vielen angenommen. Seit den 80er-Jahren steigen die Reallöhne der Gutverdiener deutlich schneller als die der Geringverdiener.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Die Situation habe sich seit Anfang der 90er-Jahre sogar noch zugespitzt: Denn die 25 Prozent mit den geringsten Löhnen büßten von 1991 bis 2001 bis zu zwölf Prozent ihres Verdienstes real ein. Im gleichen Zeitraum stiegen die Löhne der einkommensstärksten 15 Prozent der westdeutschen Bevölkerung um mehr als zehn Prozent.

Die Geringverdiener haben noch weniger in der Tasche

Den Autoren zufolge profitierten die oberen Gehaltsgruppen besonders vom technologischen Wandel. Die wachsende Ungleichheit am unteren Ende der Lohnskala sei einhergegangen mit der Erosion der Gewerkschaftsmacht, sagte IZA-Forscher Christian Dustmann.

Die Analyse widerlegt erstmals die verbreitete Annahme, dass die Lohnstruktur in Deutschland in den vergangenen beiden Jahrzehnten weitgehend stabil geblieben sei. Der Befund dürfte den Befürwortern eines gesetzlichen Mindestlohns neue Nahrung geben, die die steigende Ungleichheit innerhalb der unteren Lohngruppen abmildern wollen.

Die Autoren halten sich selbst mit einer Empfehlung allerdings zurück, da sie die Wirkungen von Mindestlöhnen als zwiespältig bewerten. In ihrer Untersuchung werteten sie jährliche Lohndaten von mehr als 200.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland aus.

Wachsende Ungleichheiten

Die Lohnschere öffnete sich aber selbst innerhalb der Gruppe der Gutverdiener stärker, und zwar in Deutschland und den USA seit Anfang der Achtziger, wie die Wissenschaftler feststellen. In den unteren Lohngruppen dagegen liefen die angelsächsischen Länder voraus. Hier begannen die Löhne in Deutschland erst zehn Jahre später auseinanderzudriften. Während in den USA mittlerweile die Lohnunterschiede am unteren Ende stagnieren, bei Männern sogar schon wieder schrumpfen, nehmen sie hierzulande noch zu, sagte Dustmann.
Gewerkschaften sind schwächer

In Deutschland sei die Entwicklung zum Teil auf die schwächeren Gewerkschaften zurückzuführen. So sei der Anteil der Arbeitnehmer in Westdeutschland, die an einen Tarifvertrag gebunden sind, zwischen 1995 und 2005 um rund 16 Prozentpunkte gesunken. Wäre der Schwund ausgeblieben, hätten der Studie zufolge die Löhne im unteren Einkommensbereich im Jahr 2004 um durchschnittlich acht Prozent, an der Spitze der Einkommenspyramide jedoch nur um 0,8 Prozent höher gelegen.

Die Reallohnrückgänge in den unteren Lohngruppen wären vermutlich sogar um ein Drittel geringer ausgefallen, wenn der gewerkschaftliche Organisationsgrad nicht zurückgegangen wäre, schreiben die Autoren.

Aus der FTD vom 29.06.2007
© 2007 Financial Times Deutschland, © Illustration: dpa, FTD.de