WIRTSCHAFT

Dennis Snower im Interview
„Gutscheine könnten die Arbeitslosigkeit bedeutend senken”

 

20. Januar 2006

Seit Oktober 2004 leitet Dennis Snower das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.
Er unterzieht die renommierte Wissenschaftseinrichtung einer umfassenden Neuordnung, um die akademische Qualität auf Dauer zu sichern. Der polyglotte Amerikaner, der lange in Großbritannien geforscht und gelehrt hat, gilt als Fachmann für Fragen des Arbeitsmarkts. Er wirbt für Beschäftigungsgutscheine - eine Art Kombilohn, der sich an der Dauer der Arbeitslosigkeit orientiert. Wir haben ihn anläßlich einer Vortragsveranstaltung im British Council in Berlin befragt.

 

Herr Snower, bringt das von der großen Koalition in Genshagen beschlossene Beschäftigungs- und Wachstumsprogramm wirtschaftlich den Durchbruch?

Genshagen kann nur ein Anfang sein. Die Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt in Deutschland sind so grundlegend, daß eine radikale Kursänderung notwendig ist. Eine Politik der kleinen Schritte ist nicht mehr angebracht. Die Reformen müssen tiefgreifend sein.

Was heißt das konkret?

Die Anreize müssen anders gesetzt werden. Derzeit schaffen wir vor allem am Arbeitsmarkt viele falsche Anreize. Wir zahlen Subventionen, wenn die Menschen nichts tun und nehmen diese Zahlungen zurück, wenn sie einen Arbeitsplatz gefunden haben. Für die Minderqualifizierten, die am anfälligsten für die Arbeitslosigkeit sind, ändert Hartz IV die Beschäftigungs-Anreize kaum. Daher ist nicht zu erwarten, daß Hartz IV die Beschäftigung in Deutschland signifikant steigern kann.

Ein wichtiges Thema in Genshagen war die Lage der Beschäftigten mit geringer Qualifikation. Wie schaffen wir am besten einen Niedriglohnsektor, auf dem diese Leute eine Chance haben?

Die Förderung eines Niedriglohnsektors zielt in die falsche Richtung. Die zentrale Schwierigkeit in Deutschland ist die langfristige Arbeitslosigkeit, es sind nicht die niedrigen Löhne. Es müssen die langfristig Arbeitslosen subventioniert werden. Denen muß man die höchsten Anreize geben, wieder zu arbeiten.

Hilft da ein Kombilohn?

Ein Kombilohn kann förderlich oder schädlich sein, es kommt auf die Ausgestaltung an. Schädlich ist er, wenn er bloß als Förderung des Niedriglohnsektors konzipiert ist. Dann schwächt man den Anreiz, sich aus- und fortzubilden und davon zu profitieren, daß mit steigendem Bildungsgrad Produktivität und Löhne zunehmen. Wir müssen erreichen, daß die Produktivität der Leute wächst.

Kombilöhne für langfristig Arbeitslose wären also durchaus sinnvoll?

Ja, das wäre positiv. Die Höhe der Subvention sollte dabei von der Dauer der Arbeitslosigkeit abhängen: Je länger die Menschen arbeitslos sind, desto größer ist ihre Schwierigkeit, wieder eine Beschäftigung zu finden. Der Anstieg der Subvention in Abhängigkeit von der Dauer der Arbeitslosigkeit darf allerdings nicht zu stark sein, weil sonst ein Anreiz entsteht, abzuwarten. Und sobald ein Arbeitsplatz gefunden ist, müssen die Subventionen schrittweise wieder abgebaut werden.

Wie macht man das konkret?

Zum Beispiel mit Beschäftigungsgutscheinen. Der Wert solcher Gutscheine würde mit der Länge der Arbeitslosigkeit zunehmen. Jeder Arbeitslose bekommt einen Gutschein, den er bei einer Arbeitsplatzzusage an den Arbeitgeber weiterreichen kann. Das Unternehmen kann damit seine Lohnkosten senken.

Bei den Beschäftigungsgutscheinen geht es nicht wie sonst bei Gutscheinsystemen um das Auslösen von Wettbewerb, sondern schlicht um eine persönliche, abrufbare Subvention in Form einer Übernahme der Sozialbeiträge oder einer Steuergutschrift durch den Staat.

Stimmt. Aber dieses System ist besser als beispielsweise eine einfache steuerliche Vorschrift. Da baut der Staat nämlich immer Stufen ein. Stufen sind Unfug; sie geben einen Anreiz abzuwarten, bis die nächste Subventionsklasse erreicht ist. Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zunehmende Subventionen müssen kontinuierlich wachsen, nicht in Sprüngen.

Müßte nicht die Grundsicherung abgesenkt werden, damit das greift?

Natürlich stiegen die Anreize, wenn man die Grundsicherung senkte. Doch man sollte den Menschen nicht unnötig weh tun. Wenn man die Grundsicherung senkt, dann wäre es wichtig, dementsprechend über das Steuersystem umzuverteilen. In Deutschland wird auch über die Sozialversicherungssysteme umverteilt. Das ist nicht effizient.

Wieviel kosten die Beschäftigungsgutscheine den Staat?

Ein System der Beschäftigungsgutscheine - wie Teile des Programms "Welfare to Work" in Großbritannien - kann völlig aufkommensneutral gestaltet werden. Das ist in mehreren Studien nachgewiesen worden. Und ich habe ausgerechnet, daß wir mit Hilfe von Beschäftigungsgutscheinen, die nicht einen Cent mehr kosten würden als das bisherige System, die Arbeitslosigkeit in Deutschland bedeutend senken könnten.

Dann bräuchte man auch nicht mehr über Mindestlöhne zu diskutieren. Angela Merkel begründet diese jetzt damit, daß sonst der Kombilohn für den Staat ein Faß ohne Boden wird, weil die Unternehmen dann opportunistisch die Nettolöhne hinuntertreiben. Ergibt diese Argumentation irgendeinen Sinn?

Nein. Wenn man versucht, Preise einzuengen, dann funktioniert der Marktmechanismus nicht, und es kommt am Ende etwas ganz anderes heraus, als was man beabsichtigt hat. Mindestlöhne sind entweder so niedrig, daß sie gar nicht ins Gewicht fallen, oder sie sind hoch genug, daß man sie beachten muß. Und dann hemmen sie die Beschäftigung - zumindest längerfristig.

Ist das zwangsläufig so?

Wie groß die beschäftigungshemmende Wirkung ist, hängt davon ab, wie hoch die Mindestlöhne sind und wie weit sie von den Gleichgewichtslöhnen entfernt sind. In Amerika und in England sind die Mindestlöhne sehr tief. In Deutschland wäre das nicht akzeptabel - und man würde damit ohnehin in genau die falsche Richtung zielen. Hierzulande kann sich der Marktmechanismus schon jetzt nicht genügend entfalten, weil Löhne und Produktivität nicht zusammenhängen. Da gilt es eher Hemmnisse zu beseitigen, als neue zu schaffen. Mit Mindestlöhnen erzeugt man nicht mehr, sondern weniger sozialen Zusammenhalt. Es entsteht noch mehr Ungleichheit zwischen denen, die beschäftigt sind, und denen, die keine Stelle finden.

Wie kann man das verhindern?

Wenn man wirklich darauf bedacht ist, daß die Leute anständige Löhne bekommen, dann muß man dafür sorgen, daß ihre Produktivität steigt. Man kann viel tun, wenn man die Ausbildungspolitik als einen Teil der Beschäftigungspolitik begreift. Darauf hat sich Deutschland einmal gut verstanden, insbesondere in der Lehrlingsausbildung, aber davon ist heute das meiste vergessen.

Was heißt das?

Die Ausbildung muß in engem Bezug zum Arbeitsmarkt stehen. Wenn der Staat einfach Ausbildungswege anbietet, ohne Bezug zum Markt, ist das kaum effektiv. Aber wenn die Unternehmer in der Ausbildung eine entscheidende Rolle spielen können, dann bekommen die Auszubildenden in der Regel auch einen Job. Deswegen befürworte ich, daß der Staat Ausbildungsgutscheine austeilt, die dann bei unabhängigen Anbietern eingelöst werden können. Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, um so höher sollte der Wert des Gutscheins sein.

Und die Ausbildungsgutscheine sollte es parallel zu den Beschäftigungsgutscheinen geben?

Ja. Und sie sollten im Wert höher liegen als die Beschäftigungsgutscheine.

Wie sollte man diese Ausbildungsgutscheine ausgestalten?

Das amerikanische System der Steuergutschriften, der Earned Income Tax Credit, ist nicht ideal, aber es hat kluge Elemente, an denen man sich orientieren kann. Wenn man sehr wenig verdient, bekommt man beispielsweise sehr wenig Subvention. Und je mehr man verdient, desto höher wird die Subvention. Klingt unlogisch, aber es gibt einen Anreiz, sich mehr auszubilden und aus der Armutsfalle herauszukommen. Das ist nicht dumm!

Warum dringen die Vorschläge von Beschäftigungs- und Ausbildungsgutscheinen nicht in die Politik vor?

Hier fehlen auch die relevanten Anreize. Es wäre am besten, wenn jeder, der in Regierung und Verwaltung mit Beschäftigungsfragen zu tun hat, erfolgsabhängig entlohnt würde - und nicht nur die Spitzenfunktionäre. Wie in Privatunternehmen.

Privatwirtschaftliche Anreize in der Arbeitslosenvermittlung?

Besonders interessant ist das Beispiel des amerikanischen Bundesstaats Milwaukee. Dort hat der Staat früher sehr viel für die Arbeitslosen ausgegeben. Und dann hat man beschlossen, dieses ganze Geld privaten Unternehmen zu geben, die sich einerseits im Wettbewerb miteinander darum bemühen, die Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen, die aber andererseits finanziell verantwortlich sind für die Arbeitslosenunterstützung. Was übrigbleibt, macht ihren Gewinn aus. Je geringer die Arbeitslosigkeit, desto höher die unternehmerischen Gewinne. Natürlich ist das sehr stark reguliert, man muß die Menschen ja schützen. Aber die Qualität der Vermittlungsarbeit hat auf diese Weise enorm zugenommen. Der Bundesagentur für Arbeit fehlen solche Anreize.


Das Gespräch führten Karen Horn und Matthias Müller.

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