Spiegel online, 18 June 2004

Fußball-Regisseur Neco Celik

"In Deutschland wird ein großes Potenzial verpasst"

Der neue Film des Kreuzberger Regisseurs Neco Celik beschreibt die Zerrissenheit eines deutsch-türkischen Fußballtalents, das sich zwischen einer Karriere in Berlin oder am Bosporus entscheiden muss. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Celik über Fußball-Loyalitäten und erklärte, warum die deutsche Nationalelf dringend türkische Kicker braucht.

Interview: Jan Philipp Sternberg

SPIEGEL ONLINE: Herr Celik, seit Jahren beklagen die Fußball-Größen, dass es in Deutschland keine Straßenfußballer mehr gibt. Dabei gibt es sie in Mengen - meist sind sie junge Deutschtürken. Warum haben sie keinen Erfolg?

Neco Celik: Seit Frankreich 1998 mit einer Mannschaft Weltmeister geworden ist, in der die Mehrzahl Einwandererkinder waren, wird diskutiert. Dann ist die Türkei bei der WM 2002 Dritter geworden - und es stellte sich heraus, dass ungefähr die Hälfte der Mannschaft aus Deutschland kommt. Es ist ja nicht so, dass der DFB nicht reagiert hat. Die haben Talentsucher losgeschickt. Wir haben aber trotzdem keinen deutschen Türken in der Nationalmannschaft und kaum welche in der Bundesliga.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Celik: Das ist eben die Frage: 80 Prozent der Jungs in den Jugendmannschaften sind Türken, warum schaffen die es nicht in die Liga? Die Antwort ist einfach: Weil die deutschen Talentsucher eines nicht verstanden haben. Die sprechen immer die Kids selbst an. Doch der Sohn hat in einer türkischen Familie nichts zu sagen, selbst wenn er schon 17 ist. Die Scouts der türkischen Klubs wissen das - sie gehen direkt zum Vater. Da haben sie leichtes Spiel: Die Väter sind oft fanatische Anhänger der großen türkischen Klubs: Galatasaray, Fehnerbace, Besiktas Istanbul. Wenn man denen sagt: Dein Sohn kann da spielen, sind die sofort Feuer und Flamme. Und die türkischen Talentsucher sind schon seit Mitte der Neunziger in den deutschen Kiezvereinen und auf den Bolzplätzen unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Haben die deutschen Vereine geschlafen?

Celik: Wir haben heute eine absolut absurde Situation. In Deutschland leben drei Millionen Türken, aber keiner von ihnen spielt in der Nationalmannschaft. Und so viele schaffen es in die türkische Nationalelf. Das ist ja nicht selbstverständlich: Es ist schließlich nicht so, dass es in der Türkei keine guten Fußballspieler gäbe. In Deutschland wird ein unheimlich großes Potenzial einfach verpasst.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Bundesliga bei den türkischen Kids heute?

Celik: Ganz viele Türken sind Bayern-Fans, viele für Bremen und Schalke. Für Hertha ist hier in Berlin kaum einer. Hertha überlegt ja jetzt, ob sie Ümit Karan, den Stürmer von Galatasaray Istanbul und türkischen Nationalspieler, kaufen. Der kommt aus Kreuzberg, hat bei Hertha Zehlendorf gespielt. Aber sie haben ihn nicht hier behalten. Bei den Fans geht es immer auch um Vorbilder: Die Brüder Altintop sind ein Beispiel. Als Hamit Altintop bei Schalke so eingeschlagen ist, wurden ganz viele Jungs in Kreuzberg zu Schalke-Fans.

SPIEGEL ONLINE: Hamit und Halil Altintop spielen in der türkischen U 21...

Celik: ... und als man Hamit gefragt hat, ob er ins deutsche A-Team will, hat er abgelehnt. Die kamen einfach zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt eigentlich die Liebe des Filmemachers Neco Celik zum Fußball?

Celik: Ich bin auf den Bolzplätzen hier herum aufgewachsen. Dann hatte ich die Chance, raus zu kommen und zu einem gemischten Verein zu gehen. Das musst du auch: Die deutschen Talentsucher kommen nicht zu den türkischen Klubs hier. Ich habe bei Eintracht Südring gespielt. Ich habe dann aufgehört, weil ich die Kunst für mich entdeckt habe.

SPIEGEL ONLINE: Welche Geschichte erzählt Ihr Fußball-Filmprojekt "Die Liga der Verdammten"?

Celik:
Es geht um die Zerrissenheit eines Jungen, der toll Fußball spielen kann, zwischen einer Kickerkarriere in Deutschland oder der Türkei. Sein Vater will, dass er für die Türkei spielt, er will für Deutschland antreten. Ich erzähle erst die Vorgeschichte: Der Vater hat einen deutschen Freund, der dem Jungen ein deutsches Nationalmannschafts-Trikot mitbringt. Der Vater hält das für Verrat, wirft es in den Müll, zwingt den Jungen, ein türkisches Trikot zu tragen. Er hört, dass die türkischen Talentsucher kommen, will seinen Sohn in die Türkei vermitteln. Der will das nicht, der Vater hat ihn aber in der Hand, weil der Junge Mist gebaut und seine Ausbildung geschmissen hat. Nun hört er, dass auch die deutschen Scouts auf den Berliner Bolzplätzen unterwegs sind - weiß aber nicht, wo. Mit ein paar Freunden macht er sich auf den Weg. Sie dringen in fremde Reviere ein, spielen um Geld, schlagen sich. Irgendwo in Marzahn finden sie die DFB-Talentsucher - die die Klasse des Jungen auch erkennen. Als sie hören, dass er keinen deutschen Pass hat, sind sie allerdings sofort viel weniger begeistert.

SPIEGEL ONLINE:
Der Plot klingt nach vielen Action-Szenen auf vergitterten Bolzplätzen - nach dem Vorbild US-amerikanischer Basketball-Streifen?

Celik: Was in den USA Basketball ist, ist hier eben Fußball. Und Action: Natürlich! Die Jugendlichen sollen den Film schließlich auch sehen wollen. Diese Gitterkäfige zwischen Brandmauern sind einfach toll. Die Revierkämpfe gibt's wirklich. Der, dem das Feld "gehört", bestimmt die Regeln. Als ich einmal in Schöneberg gegen ein paar arabische Jugendliche gespielt habe, einer den Ball ins Aus schoss und ich Einwurf haben wollte, sagten die: "Bei uns gibt's kein Aus, was willst du?"

SPIEGEL ONLINE: Der Held des Films schafft es schließlich in die Nationalmannschaft - in die deutsche oder türkische?

Celik:
Das verrate ich noch nicht. Der Film kommt zur WM 2006 raus und endet mit dem Finale im Berliner Olympiastadion zwischen Deutschland und der Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Wer gewinnt?

Celik: Der Film endet in den Katakomben des Stadions, wenn die Mannschaften einlaufen. Den Rest zeige ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wann beginnen die Dreharbeiten?

Celik: Das Exposé ist fertig, zurzeit bewerbe ich mich um die Finanzierung. Ich vermute, dass wir nächstes Frühjahr starten können, bevor so viele Blätter an den Bäumen sind. Berlin ist im Sommer immer sehr grün. Ich mag das nicht so.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Berlinale-Gewinn für "Gegen die Wand" des Deutschtürken Fatih Akin etwas bewirkt - ein größeres Interesse für Regisseure wie Sie?

Celik: Ich hoffe das. Aber ich bin ja auch kein Unbekannter. "Urban Guerillas", mein zweitr Film, der die Geschichte von jungen Graffiti-Sprayern, Breakdancern und Rappern erzählt, ist dieses Jahr auf den Festivals gelaufen und kommt am 14. Oktober in die Kinos. Den haben wir selbst finanziert - das kommt an, zeugt von Engagement.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten im Jugendzentrum "Naunynritze" in Berlin-Kreuzberg als Medienpädagoge und Sozialarbeiter. Brotjob oder Engagement?

Celik: Brotjob. Ich habe drei Kinder, vom Filmemachen kann ich die nicht ernähren. Als 2002 "Alltag" in die Kinos kam, dachte ich: Ich hab's geschafft! Einen Film gemacht, für den Leute dir 750.000 Euro anvertraut haben, jetzt bist du wer. Und danach: Das große Loch.

SPIEGEL ONLINE:
Zurzeit läuft die Europameisterschaft in Portugal - die Türkei ist nicht dabei...

Celik:
...dann tröste ich mich eben mit Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Und die Kids in der "Naunynritze"?

Celik:
Bei denen ist das stimmungsabhängig. Es wäre anders, wenn ein türkischstämmiger Spieler dabei wäre. Man kann einen ja nicht zur Sympathie zwingen. Wirklich toll war das Halbfinale bei der WM 2002, als alle miteinander auf ein Finale Deutschland-Türkei gehofft haben. Das war eine Solidarität! So sollte es laufen. Deswegen auch "Liga der Verdammten": Das ist nicht einfach nur ein Film, das ist mein Statement!

 

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