Süddeutsche Zeitung, 10 October 2003

WIRTSCHAFT

Drei Sterne für die Klinik

Wie die Briten das Gesundheitswesen reformieren

By Andreas Hoffmann

 

Wenn Bernard Egger ausländischen Kollegen die Nöte des deutschen Gesundheitswesen schildert, sieht er oft ratlose Gesichter. Häufig sagen sie ihm dann: „Warum ändert ihr das nicht, ihr habt doch die Macht dazu.“ In solchen Momenten muss Egger, Medizinexperte beim AOK-Bundesverband, schmunzeln. Er erzählt dann von den schwierigen Machtverhältnissen hier zu Lande, dass bei Veränderungen Parteien, Bundesländer und sogar Lobby-Gruppen mitreden, oder dass die Kassen weniger Einfluss haben als etwa in den USA oder in Großbritannien. Am Ende der Ausführungen wundern sich Eggers ausländische Kollegen wieder über den deutschen Patienten, genannt gesetzliche Krankenversicherung.

Dabei können die Deutschen beim Reformieren durchaus vom Ausland lernen, etwa von den Briten, wie eine Veranstaltung der deutsch-britischen Stiftung in Berlin zeigte. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 1997 versucht Großbritanniens Premierminister Tony Blair das staatliche Gesundheitswesen flottzumachen – aber mit einem anderen Ziel. Während Rot-Grün mit vielen Spargesetzen versucht, die Ausgaben zu bremsen, geht Blair den umgekehrten Weg. Er pumpt Milliarden in das System. Bis 2006 sollen die staatlichen Ausgaben jährlich um sechs Prozent steigen. Auslöser waren mysteriöse Todesfälle in einer Klinik in Bristol. Später stellte sich heraus: Herzspezialisten hatten Kinder operiert, obwohl sie dafür unzureichend ausgebildet waren.

Damit wurde öffentlich, was viele Briten geahnt hatten. Dem Nationalen Health Service (NHS) fehlt Geld und darunter leiden die Patienten, lange Wartezeiten in Praxen oder auf nötige Operationen sind die Folge. Seit dem Klinikskandal fließt mehr Geld, und daneben entwickelte die Blair-Regierung Instrumente, um die Qualität zu verbessern. So setzt man sich nationale Ziele, wie die Wartezeiten auf Operationen oder die Zahl der Krebstoten bis zum Jahr 2010 um ein Fünftel zu senken. Krankenhäuser werden bewertet, in den Zeitungen können die Bürger lesen, wie die örtliche Klinik abschneidet.

„Das funktioniert wie der Gault Millau bei Restaurants“, sagt Simon Stevens, Berater Tony Blairs. Hat eine Klinik drei Sterne, darf sie selbstständiger wirtschaften, bei null Sternen müssen sich die Krankenhausmanager manchmal einen neuen Job suchen. Ähnlich wie in Deutschland stellen die Klinken ihre Abrechnung auf „Fallpauschalen“ um, damit die Behandlungskosten durchschaubarer werden. Die Briten wollen die niedergelassenen Ärzte anders honorieren und Mediziner besser bezahlen, wenn sie ihre Praxis vernünftig organisieren und die Patienten zufriedener sind. Vor Jahren etablierten sie ein nationales Qualitätsinstitut (Nice), das Behandlungsstandards für einzelne Krankheiten, wie Herzleiden oder Schizophrenie, festlegt. Mit der beschlossenen Gesundheitsreform soll hier zu Lande ein ähnliches Institut entstehen – in abgeschwächter Form.

Noch ist unklar, wie die britischen Reformen wirken. Nach einer Studie der Stiftung schneidet Großbritannien bei vielen Gesundheitsdaten, wie Lebenserwartung, Geburtensterblichkeit oder Brustkrebs-Bekämpfung, im Vergleich zu Deutschland schlechter ab. In einem Punkt haben die Briten allerdings aufgeholt: Sie sind wieder zufriedener mit ihrem System.

 

 

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