vwd, 30 January 2002

Experten: Finanzplätze London und Frankfurt können sich ergänzen

Von Hans Hutter

 

Frankfurt (vwd) - Die Beziehung zwischen den Finanzplätzen London und Frankfurt ist sehr komplex, das Bild von zwei rivalisierenden "Platzhirschen" werde dem nicht gerecht. Zu diesem Urteil kommt ein binationales Forschungsteam der Universitäten Loughborough und Heidelberg, das am Mittwoch in Frankfurt bei der Finanzplatz e.V. ihre Studie "Comparing London and Frankfurt as world cities: A relational study of contemporary urban change", vorstellte mit der Empfehlung: "Miteinder statt gegeneinander".

Grundlage der Studie bilden zahlreiche Interviews, die in den Jahren 2000 und 2001 parallel in Frankfurt und London durch Michael Hoyler (Universität Heidelberg) und Kathryn Pain (Loughborough University) mit "hochrangigen Entscheidungsträgern" und "führenden Institutionen" durchgeführt wurden. Aufgezeigt wird, dass London und Frankfurt "wichtige Knotenpunkte" der Weltwirtschaft ("global cities") sind, London neben New York als "einer der beiden global am besten vernetzten Standorte" und Frankfurt als "wichtigste deutsche 'global city'" im "oberen Rang unter den kontinentaleuropäischen Städten".

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der "Einführung des Euro von den befragten Unternehmen nur einen geringer Einfluss auf die Positionierung beider Finanzplätze zugeschrieben wird", wobei man zugibt, dass dies erst die ersten zwei Jahre Euro-Währungsunion betrifft. Der Euro und die Europäische Zentralbank stärkten sehr wohl das Image der Stadt Frankfurt, zeigten aber vorerst kaum praktische Relevanz. Die Stellung Londons als führender Welt-Finanzplatz sei aus heutiger Sicht durch das britische Festhalten am Pfund-Sterling nicht gefährdet.

Die herausragende Position des Finanzplatzes Londons gründet sich nach dieser Studie ganz entscheidend auf den verfügbaren Wissenspool und die institutionelle Dichte in der City. Im Gegensatz zu Informationen, die heute in Sekunden weltweit verbreitet werden können, seien Wissen, Kreativität, Erfahrungen und Qualifikation an Personen und Organisationen gebunden und somit räumlich stärker verwurzelt. Eine solche Konzentration von Wissen und hochspezialisierten Netzwerken könne nicht einfach von einem Standort auf einen anderen übertragen werden, hier sei der face-to-face-Kontakt immer noch sehr wichtig.

Das Forschungsteam kommt zur Überzeugung, dass das Verhältnis der Finanzplätze London und Frankfurt oft verkürzt unter dem Aspekt des Wettbewerbs gesehen wird. Die Stärkung eines Standortes müsse nicht zwangsweise auf Kosten des anderen erfolgen, sie sei kein Nullsummenspiel. London und Frankfurt ergänzten sich in vielen Bereichen, so die Botschaft der Studie. Der Erfolg Londons als Zentrum globaler Vernetzung komme Frankfurt zu Gute, die wachsende Bedeutung Frankfurts als "gateway" zum deutschen und europäischen Markt stärke auch London.

 

 

© 2001 vwd Vereinigte Wirtschaftsdienste GmbH