Frankfurter Neue Presse, 19 November 2002, page 13

Die Konkurrenz an der Themse

Finanzplatz London gegen Frankfurt: Wer ist stärker?

Von Sven Weidlich

 

FRANKFURT. Mit dem Finanzplatz Frankfurt geht es bergab, könnte man meinen. Während vor fünf Jahren noch knapp 400 Banken ihren Sitz in der Mainstadt hatten, sind es heute fast ein Fünftel weniger. Die Commerzbank etwa hat zuletzt angekündigt, ein Viertel ihrer Investmentbanker zu entlassen, und auch der Konkurrenz geht's nicht gut. Gerät Frankfurt endgültig gegenüber dem Rivalen London ins Hintertreffen?Verbraucherrechte einsetze und in Streitfragen zwischen den 25 Bahngesellschaften und den Fahrgästen vermittele. Überdies seien durch die Association of Train Operating Companies ein landesweiter Tarif und eine Fahrplanauskunft aller Bahngesellschaften gewährleistet.

Michael Hoyler von der Universität Heidelberg glaubt das nicht. Der Wissenschaftler hat an einer deutsch-englischen Studie mitgearbeitet, in der die beiden europäischen Finanzzentren verglichen werden. "Deutschland bleibt als großer, bedeutender Markt interessant", sagt Hoyler. Ins Geschäft einsteigen könne man nach wie vor am besten in Frankfurt. Einige US-Finanzdienstleister, die bislang lediglich in London vertreten waren, hätten nun auch in der Mainstadt eine Filiale eröffnet. "Sie haben erkannt: Wenn sie in Deutschland Erfolg haben wollen, müssen sie hier auch präsent sein."

Das Forscherteam um Hoyler vertritt zudem die Meinung, dass es zwischen Frankfurt und London nicht nur Wettbewerb, sondern auch Zusammenarbeit gibt. Für einen Frankfurter Rechtsanwalt, der etwa internationale Fondsgesellschaften berät, ist dies kein Wunder: "London spielt in einer anderen Liga." Die Manager an der Themse sähen in der Mainstadt überhaupt keine Konkurrenz. Sie schauten eher zur Wall Street nach New York.

In der Tat: Allein von der Größenordnung her kann Frankfurt nicht mithalten. In London arbeiten in der Finanzbranche etwa zehn Mal so viel Menschen wie in Frankfurt. Obwohl Großbritannien sich bislang dem Euro verweigert, bleibt die Hauptstadt in Geldangelegenheiten die unbestrittene Nummer eins in Europa. Dies stellte auch die deutsch-englische Forschergruppe fest. "In London gibt es das globale Know-how, das die Firmen brauchen", sagt Hoyler. Ein unschätzbarer Vorteil sei der Wissensvorsprung der britischen Banker. "In London kann man beispielsweise vorher in Erfahrung bringen, dass eine Firma eine bestimmte Dienstleistung anbieten will. In Frankfurt wird sie dann nur noch verkauft." Solche wertvollen Infos kursierten oft weniger in Büros als in Pubs, in denen sich die Manager abends auf ein Bier träfen. Für Hoyler hat London einen weiteren Vorteil: es ist die unbestrittene Hauptstadt Großbritanniens, in der sich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben bündelt. "In Deutschland hingegen gibt es noch München als Sitz großer Versicherungen oder etwa Düsseldorf als weiteren Finanzplatz."

All dies muss in einer vernetzten Welt jedoch nicht gegen Frankfurt sprechen. "Wir sprechen jeden Tag mit unserem Büro in London und tauschen uns aus", sagt der Frankfurter Rechtsanwalt. Der 37-Jährige hat bereits in beiden Metropolen gearbeitet. Er meint: "Frankfurt als Finanzstadt funktioniert besser - auch weil die Wege kürzer sind."

 

 

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