Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1 February 2002

London und Frankfurt profitieren voneinander

Der Euro und die Zentralbank stärken die Stadt am Main / Eine neue Studie

Von Rolf Ackermann

 

FRANKFURT, 31. Januar. Der große internationale Finanzplatz London wird weiter wachsen, der kontinentaleuropäische Finanzplatz Frankfurt in dessen Fahrwasser aber auch. Mit dieser Feststellung rückt eine neue Studie der „Deutsch-Britischen Stiftung für das Studium der Industriegesellschaft" in London (www.agf.org.uk) die aufgeregte öffentliche Debatte über das Konkurrenzverhältnis der beiden Finanzplätze zurecht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß die Beziehung der beiden Städte kein Nullsummenspiel ist. Vielmehr profitierten beide Plätze voneinander. So werde zwar Frankfurt, wo die Deutsche Bundesbank sitzt, durch den Euro und als Standort der Europäischen Zentralbank weiter gestärkt – aber nicht auf Kosten Londons. Die beiden Städte sind, wie es in der Studie heißt, in einem „komplexen, auf verschiedensten Ebenen kooperierenden Städtenetzwerk" miteinander verbunden.

Für Peter Taylor, einen der Autoren der Studie, ist es darüber hinaus auch nicht entscheidend, wo die Zentrale eines Geldinstituts ihren Sitz hat – unabhängig von der Symbolik einer möglichen Verlegung der Zentrale der Deutschen Bank. London sei für diese These das beste Beispiel, sagt Taylor. Es werde häufig übersehen, daß gar nicht viele britische Banken ihre Zentrale in London hätten. Die Stadt an der Themse sei keine Stadt der Bankzentralen, sondern der globalen Finanzaktivitäten. Taylor spricht daher lieber von der „Wimbledonisierung" Londons: Dort profitierten aber auch andere europäische Standorte wie Frankfurt. Denn den Frankfurter Unternehmen helfe die relative Nähe zu London, international zu konkurrieren.

Trotzdem gibt es auch Argumente, die die Sorge in Frankfurt über eine möglicherweise abnehmende Bedeutung des Finanzplatzes untermauern könnten. Sie ergeben sich aus der Antwort auf die Frage, warum Finanzzentren immer größer werden – trotz verstopfter Straßen wie in London und exorbitant hoher Mieten, die manche Steuervorteile relativieren. Die Antwort lautet, daß es für die Akteure an den Finanzplätzen aus verschiedenen Gründen von Vorteil ist, da zu sein, wo alle anderen sind, und daß dieser Vorteil die offensichtlichen Nachteile überkompensiert. Denn da, wo alle sind, sind qualifizierte Arbeitskräfte und hochspezialisierte Dienstleister. Vor allem aber kursieren alle möglichen Informationen an einem Finanzplatz – und von diesem Informationsfluß abgeschnitten zu sein, kann sich kein Teilnehmer leisten. „Wenn man jemanden treffen will, dann sitzt er hier irgendwo, und deswegen sitzen wir hier", zitiert die Studie einen Londoner Manager. Finanzplätze werden also immer größer, weil alle dorthin gehen, wo alle sind. Wissenschaftler nennen solche Agglomerationsprozesse „selbstverstärkend". Das Problem für diejenigen Finanzzentren, die nicht Nummer eins sind: Auch der umgekehrte Prozess kann unter Umständen selbstverstärkend sein. Es könnte sein, daß alle weggehen, weil alle weggehen.

Zusammenfassend ergibt die Studie, daß die Beziehungen zwischen den Finanzplätzen Frankfurt und London beides enthalten – sie sind sowohl Rivalen als auch Partner. Das bedeutet in bezug auf die Zukunft der beiden Standorte, daß sie ungewiß ist. Denn in einem sind sich die Wissenschaftler einig: Die Sache ist äußerst komplex und wird in der öffentlichen Diskussion heillos vereinfacht.

 

 

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