Die Zeit, 14 February 2002

Kopflos glücklich Führende Bankmanager verlassen Frankfurt am Main.

Trotzdem wächst das Finanzgeschäft in der Stadt

Von Marc Brost, Robert von Heusinger, John F. Jungclaussen und Marcus Rohwetter

 

... Die Angst, der Finanzplatz Frankfurt trockne aus, ist lediglich die Angst vor Prestigeverlust - die Sorge, dass zukünftig immer seltener große strategische Entscheidungen in Frankfurt getroffen werden. Das ist verständlich angesichts der Veränderungen bei den drei Großbanken, dem ehemals stolzen Symbol der Frankfurter Hochfinanz. Die Dresdner gehört der Allianz und wird von München aus regiert. Auf dem Weg zum internationalen Geldkonzern hat die Deutsche Bank die Verantwortung für das Investmentgeschäft schon vor sechs Jahren nach London und New York verlegt. Die Commerzbank letztlich gilt als zu klein, um auf Dauer allein überleben zu können. Dem Renommee als Finanzplatz schadet das nicht - ihn kennzeichnen Umfang und Art des täglichen Geschäfts, nicht die Anzahl der Hauptquartiere. Die meisten großen Investmentbanken haben ihre Zentrale schließlich auch nicht in London. Und Washington ist nicht der Nabel der Geldwelt - obwohl die mächtige US-Notenbank Federal Reserve dort ihren Sitz hat.

Ohnehin gibt es keinen echten Konkurrenzkampf zwischen den beiden Städten Frankfurt und London. Eher kooperieren sie. Das bestätigt ein Forscherteam von Wirtschaftsgeografen um Professor Peter Taylor von der britischen Loughborough University. Schon längst spielt die Lage des Hauptquartiers keine große Rolle mehr für internationale Unternehmen. Viel wichtiger ist es, Niederlassungen in verschiedenen Ländern und Städten zu einem globalen Netzwerk zu verknüpfen. Je besser das Netz funktioniert, desto einfacher können sich die Büros gegenseitig Aufträge zuschanzen.

Daran hapert es in Frankfurt noch etwas. Die Forscher haben untersucht, wie sehr die Büros von Banken in einzelnen Städten miteinander vernetzt sind. Nach einer komplizierten Rechnung stand fest: Unternehmen in London sind am besten vernetzt. Dann kommt New York. Frankfurt steht - als beste deutsche Stadt - auf Platz sieben.

Im globalen Finanznetz werden Kompetenzen hin- und hergeschoben. Davon profitiert mal die eine, mal die andere Stadt. Die Investmentbanken JP Morgan und Salomon Smith Barney hatten ihre Handelsabteilungen für Europa nach Einführung der Gemeinschaftswährung komplett nach London verlegt, sind aber zum Teil wieder nach Frankfurt zurückgekehrt. Goldman Sachs beobachtet die Volkswirtschaften der Euro-Mitgliedsländer vom Frankfurter Messeturm aus, Morgan Stanley hingegen aus der Londoner City. Die Deutsche Bank wiederum hat ihre Aktienanalysten auf beide Städte verteilt.

Frankfurt ist unter den Finanzplätzen der Welt nur einer von vielen. Wie er sich entwickelt, hängt von den Menschen und ihren Ideen ab. Dass auch ein kleiner Standort Achtungserfolge erlangen kann, zeigt das Beispiel Stuttgart. Dort hat Börsenmakler Peter Bruker Ende der achtziger Jahre die wachsende Bedeutung von Optionsscheinen erkannt. Zusammen mit der Citibank hat er die kleine Regionalbörse zum deutschlandweit größten Handelsplatz für Optionsscheine gemacht. Weit vor Frankfurt übrigens, von wo aus die Citibank den schwäbischen Börsenplatz geprägt hat. Und das zeigt auch, dass die Zentralen der Banken nicht - wie gern behauptet wird - immer vor Ort sein müssen, um einen Finanzplatz stark zu machen.

 

 

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