Die Woche, 8 February 2002

WIRTSCHAFT

Und der Verlierer ist: Frankfurt a. M.

High Potentials machen Karriere in London, München gewinnt an Bedeutung: "Mainhattan" gleitet ab in die zweite Liga

Von Sonia Shinde

 

...

Frankfurts Weg an die Weltspitze schien nichts mehr im Wege zu stehen. Die New Economy generierte Aktienmillionäre, der Neue Markt war das größte Wachstumssegment an Europas Börsen. "Damals gab es jede Woche mindestens ein großes Event", erinnert sich Nader Maleki, Präsident des International Bankers Forum. Büfetts mit 50 verschiedenen Gerichten, Einladungen nur auf feinstem Bütten - wer etwas auf sich hielt, mietete gleich ganze Museen für seine Veranstaltungen. "Die Devise hieß: immer weiter, immer höher; es war wie in einem Rausch", erinnert sich Maleki.

Heute ist der Neue Markt ein Synonym für "Geld verbrennen", hat die Wirtschaftskrise auch die Banken erreicht, stehen auf den Büfetts höchstens drei Gerichte zur Auswahl, und eingeladen wird auf simplem weißen Karton, höchstens einmal im Monat. Und Maleki hat seine Veranstaltungsagentur "jetzt breiter aufgestellt". Statt sich wie bisher auf Frankfurt zu konzentrieren, organisiert er jetzt auch Kongresse in München, der neuen heimlichen deutschen Finanzhauptstadt.

...

Auch für Finanzmarktexpertin Sofia Harrschar, deren Studie "Finanzplatzstrukturen in Europa" in den nächsten Wochen erscheint, ist London klarer Favorit. "Das liegt zum einen an der schieren Größe", sagt sie. Fast die Hälfte aller ausländischen Aktien wird in London gehandelt, Umsatz: rund 4021 Milliarden Dollar. In Deutschland ist es gerade einmal ein Achtel. Auch institutionelle Anleger bevorzugen die City. Nach einem Report von Thomson Financial ist das in London verwaltete Aktienvermögen mehr als siebenmal so groß wie in Frankfurt.

Zum Zweiten spielen auch Steuervorteile eine Rolle: Unternehmen müssen in England keine Gewerbesteuer zahlen, die Körperschaftsteuer ist viel niedriger und ausländische Kapitalerträge sind steuerfrei. Drittens sei der britische Arbeitsmarkt flexibler: "Dort ist es wesentlich einfacher, Mitarbeiter kurzfristig anzuheuern und zu entlassen." Und obendrein bietet London als europäischer Meltingpot gerade den heiß begehrten High Potentials viele Chancen: "In den Banken haben flache Hierarchien Einzug gehalten. Nur Wechsel bringen deshalb schnelle Karrieremöglichkeiten", so die Expertin. Und da hat London mit seinen 481 ausländischen Geldinstituten, 87 Fondsgesellschaften und 165 Investmentbanken die besseren Karten. Zum Vergleich: Frankfurt beheimatet gerade mal 13 Investmentbanken, neun Fondsgesellschaften und 243 ausländische Geldinstitute. Mehr als 600 000 Menschen arbeiten in der Londoner City im Finanzgewerbe, in Frankfurt gerade einmal ein Zehntel. "Wer an die Spitze will im Finanzgeschäft, geht nach London", sagt Sofia Harrschar.

...

Auch psychologisch hat die Themse-Stadt die Nase vorn: Lemminge-Effekt, nennt die Deutsch-Britische Stiftung für das Studium der Industriegesellschaft die Sogwirkung Londons. Finanzdienstleister bräuchten die Nähe zueinander, das Getuschel, das entscheide über Top oder Flop. Die Folge: "Alle wollen da sein, wo die anderen auch schon sind." Heißt im Umkehrschluss: Alle gehen dort weg, wo die anderen auch nicht mehr sein wollen. "London war immer die Nummer eins im internationalen Finanzgeschäft und wird es auch immer bleiben", sagt Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch. "Bei Entlassungen wurde bei uns in London nie abgebaut", sagt er.

...

Düstere Aussichten also? Nicht ganz. Denn immer noch werden rund 85 Prozent der Umsätze aller deutschen Wertpapierbörsen am Main gemacht, nur 3 Prozent in München. "Zudem hat Frankfurt mit Xetra die derzeit beste elektronische Handelsplattform, die es gibt, da kann selbst London nicht mithalten", sagt Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Auch die Europäische Zentralbank trage nicht unerheblich dazu bei, dass Frankfurt immer noch "gute Aussichten habe, ganz nah an London heranzukommen", genauso wie der Neue Markt. Und die Kurseinbrüche und die etwa 50 abgesagten Neuemissionen im vergangenen Jahr? "Es kommen auch wieder andere Zeiten", sagt er. Die Hoffnung stirbt eben immer zuletzt.

 

 

© 1993-1996 Die Woche