Die Welt, 31 January 2002

FORUM

Kinderbetreuung ist der Schlüssel

Von Gert G. Wagner

 

Der neuste Kinder- und Jugendbericht macht deutlich, dass nach wie vor Kinder ein überdurchschnittliches Risiko haben, in Armut zu leben und Sozialhilfe zu beziehen. Gleichzeitig wird in allen Parteien darüber nachgedacht, wie man Sozialhilfeempfänger durch schärfere Sanktionen und niedrigere Sozialhilfezahlungen dazu bringen kann, sich stärker zu bemühen, durch eigene Erwerbstätigkeit der Sozialhilfe zu entfliehen. Obwohl dies im Grundsatz nicht falsch ist, muss man aufpassen, dass dies nicht auf dem Rücken der Kinder und zu Lasten ihrer Zukunft erreicht wird. Ein deutsch-britischer Vergleich, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zusammen mit der Universität Essex durchgeführt hat, zeigt: Der weit weniger generöse britische Wohlfahrtsstaat, der starke Anreize zur Erwerbstätigkeit setzt, setzt noch mehr Kinder als in Deutschland der Armut aus. Weiterhin macht diese Untersuchung deutlich: Die deutsche Arbeitslosenversicherung, die relativ hohe Lohnersatzraten zahlt, hält als Nebeneffekt auch die Kinderarmut im Zaume. Bei jeder Reform des Arbeitslosengeldes sollte dies bedacht werden.

In Deutschland ist jedes fünfte Kind arm, in Großbritannien ist es fast jedes dritte. Die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ist in beiden Ländern das beste Mittel, um der Armut zu entkommen. Besonders wichtig ist dies für allein erziehende Mütter. In Großbritannien leben etwa 15 Prozent aller Kinder bei allein Erziehenden, die ein besonders hohes Armutsrisiko haben. In Westdeutschland sind es nur etwa neun Prozent. Wenn eine allein erziehende Mutter nicht erwerbstätig ist, beträgt das Armutsrisiko in beiden Ländern über 80 Prozent. Ähnlich hoch ist die Armutsquote auch, wenn beide Eltern keine Arbeit haben.

Wird hingegen eine allein erziehende Mutter vollzeiterwerbstätig, kann in drei Vierteln der Fälle die Armutsschwelle überwunden werden. Wird in einem armen Paarhaushalt ein Elternteil erwerbstätig, kommt dadurch nur die Hälfte der Fälle aus der Armut heraus. Denn in einem größeren Haushalt ist natürlich auch der Bedarf größer als bei allein Erziehenden. Die zentrale Frage ist also: Wie können Mütter am besten erwerbstätig werden?

Vieles spricht dafür, dass der finanzielle Druck auf allein Erziehende nicht zu groß sein sollte. Denn wenn Mütter - trotz niedriger Sozialhilfe - keinen Arbeitsplatz fänden, dann lebten die betroffenen Kinder in tiefster Armut. In Deutschland ist die Sozialhilfe immerhin so "großzügig", dass - wie in der Untersuchung auch gezeigt wird - Kinder in armen Haushalten trotzdem höhere Schulen besuchen können. Das eigentliche Problem dieser Kinder ist die niedrige Bildung der Eltern, die ihre Kinder zu Hause nicht gut fördern können. Eine allein erziehende Mutter aber, die das Abitur hat und nur deswegen von der Sozialhilfe lebt, weil sie auf Grund eines fehlenden Ganztagsbetreuungsplatzes nicht erwerbstätig sein kann, kann ihr Kind zum Gymnasium schicken.

Es zeigt sich freilich auch, dass die Entscheidung, ob ein Kind das Gymnasium besucht, weniger vom Einkommen zum Zeitpunkt des Wechsels auf das Gymnasium abhängt als vom Einkommen der Familie in seiner frühen Kindheit. Wenn das Sozialsystem also nicht großzügig ist, solange die Kinder noch klein sind, ist das besonders gefährlich für die spätere Entwicklung.

Die Untersuchung unterstreicht die Bedeutung der außerhäuslichen Kinderbetreuung für Eltern und Kinder. Wenn der Staat dafür sorgt, dass im Vor- und Grundschulalter genügend Betreuungsplätze in guten Einrichtungen vorhanden sind, dann können Eltern, insbesondere auch allein erziehende, erwerbstätig sein. Sie werden somit gar nicht erst in die Sozialhilfefalle tappen.

Staatlich finanzierte Kinderbetreuung stellt darüber hinaus einen "zweckgebundenen Transfer" dar. Sozialhilfe, die für Kinder gezahlt wird, kann von Eltern auch für ihren eigenen Konsum missbraucht werden. Betreuung hingegen kommt unmittelbar den Kindern zugute. Wenn die Betreuung von pädagogischer Qualität ist, nutzt das den Kindern bei ihrem Schul- und Lebensweg.

Auf diesen Ausbau und auf die Qualitätskontrolle der Kinderbetreuung sollten sich Bund und Länder deshalb konzentrieren. Die Transferabhängigkeit von allein Erziehenden würde dann weit gehend verschwinden, und die Diskussion über Arbeitsanreize könnte sich auf die kinderlosen Sozialhilfeempfänger konzentrieren.

 

 

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