Berliner Zeitung, 1 February 2002

POLITIK

Jeder fünfte Brite lebt in Armut

Unerfüllte Wahlversprechen

Von Matthias Kolb

 

BERLIN, 31. Januar. Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und eine Arbeitslosenquote von fünf Prozent - so ein Land regiert man gern. Der Internationale Währungsfonds bestätigt, dass Premierminister Tony Blair kaum Sorgen hat: Im Vergleich zu den anderen G7-Staaten schneidet Großbritannien glänzend ab. Dennoch steht die Labour-Regierung vor Problemen, deren Lösung man in zwei Wahlkämpfen versprochen hat.

Allen Heranwachsenden gleiche Chancen zu verschaffen, unabhängig von Herkunft und Einkommen der Eltern lautete eines von Blairs Wahlversprechen. Er kündigte an, die Kinderarmut bis 2010 halbieren zu wollen. Ein ehrgeiziges Ziel, wie eine Studie der "Deutsch-Britischen Stiftung" zeigt. Danach wächst fast jedes dritte Kind in einer Familie auf, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittslohns zur Verfügung hat - die deutsche Quote liegt bei 19 Prozent. Insgesamt lebt jeder fünfte Brite in Armut. Nach Meinung der Forscher werden die Reformen die Kinderarmut zwar verringern können, doch viele Probleme sind im System verankert.

So erhalten britische Arbeitslose mit 48 Pfund pro Woche (69 Euro) weniger als ein Drittel des Durchschnittslohns. Im Europa-Vergleich bekommen Familien geringere Zuwendung, die Zahl der allein erziehenden Eltern ist aber auf der Insel höher als im Rest Europas. Zudem gibt es in keinem anderen EU-Land mehr minderjährige Mütter.

Alarmierend ist auch der Bericht der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen, nach dem immer mehr Briten zu harten Drogen greifen. Anders als im EU-Trend werden die Konsumenten auf der Insel immer jünger.

 

 

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