Financial Times Deutschland, 21 December 2001

Deutsche Arbeitsmoral: Schnell den Griffel fallen lassen

Von Emma Tucker

 

Warum die Deutschen kaum bereit sind, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten.


Aus der FTD vom 21.12.2001 Deutsche Arbeitsmoral: Schnell den Griffel fallen lassen Von Emma Tucker Warum die Deutschen kaum bereit sind, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten. Niemand bezweifelt, dass die zahllosen Autos, die Freitagmittags die Straßen Berlins verstopfen, ein Zeichen dafür sind, dass sich die Bürger der Stadt einen frühen Start ins Wochenende gönnen. Das Ergebnis einer Untersuchung der "Berliner Morgenpost" war trotzdem erschreckend. Die Journalisten machten an einem Freitag um 11 Uhr 50 Anrufe mit 50 unterschiedlichen Anliegen bei 50 öffentlichen Bediensteten. Die Beamten haben freitags um 12 Uhr Feierabend, aber schon um 11 Uhr wurden die meisten Anrufe gar nicht mehr angenommen, und wenn doch einmal jemand den Hörer abhob, dann meist, um den Anrufer zu bitten, es am Montag noch einmal zu versuchen.

Der Bericht verdeutlicht die lockere Arbeitsmoral, die in der stärksten Wirtschaftsmacht Europas herrscht. Insgesamt haben die Deutschen das Gefühl, es gut zu haben. Angesichts der Bedingungen, unter denen Angestellte öffentlicher wie privater Arbeitgeber in Deutschland arbeiten, wäre alles andere auch erstaunlich. Die deutschen Angestellten leisten pro Jahr weniger Arbeitsstunden als fast alle ihre Kollegen in der Europäischen Union. Lediglich die Schweden und Niederländer arbeiten jährlich noch weniger als die Deutschen.

Ein wirtschaftliches Phänomen

Darüber hinaus bestätigte eine Studie der Anglo-German Foundation for the Study of Industrial Society, die von Wirtschaftswissenschaftlern der Universitäten Stirling und Hannover durchgeführt wurde, dass die Deutschen nicht nur weniger bezahlte, sondern auch weniger unbezahlte Überstunden leisten als ihre britischen Kollegen. Die Wissenschaftler, die die Wirtschaft und den öffentlichen Dienst untersuchten, stellten fest, dass unbezahlte Überstunden, bei denen Angestellte ohne zusätzliche Bezahlung über ihre vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus arbeiten, in Großbritannien zu einem wichtigen wirtschaftlichen Phänomen geworden sind. Die Zahl der unbezahlten Überstunden liegt dort etwa ebenso hoch wie die der bezahlten. Während weibliche Angestellte in Großbritannien wöchentlich 80 unbezahlte Überminuten leisten, kommen ihre deutschen Kolleginnen auf gerade einmal zwölf Minuten. Deutsche Männer machen 36 Minuten unbezahlte Mehrarbeit pro Woche, britische Männer zwei Stunden.

Professor David Bell, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Stirling und einer der Autoren des Berichts, ist überzeugt, dass dessen Ergebnisse die massiven Veränderungen widerspiegeln, denen der britische Arbeitsmarkt in den letzten 20 Jahren unterworfen war: "Flexibilität ist zu einem Bestandteil der britischen Arbeitswelt geworden. Dieser kulturelle Wandel hat sich in Großbritannien vollzogen, in Deutschland wohl noch nicht."

Woran liegt es, dass deutsche Arbeitnehmer pünktlich nach Hause gehen und helfen können, die Kinder ins Bett zu bringen, während ihre britischen Kollegen unbezahlt bis in die Nacht hinein ackern?

Dienstleistung ist lästig

Tatsächlich vertritt niemand in Deutschland die Ansicht, der deutsche Arbeitsmarkt solle am britischen oder amerikanischen Wesen genesen. Reformen müssen in Deutschland langsam, umständlich und vor allem politisch akzeptabel sein. Dieser konsensorientierte Ansatz erklärt, warum Deutschland insbesondere bei den Dienstleistungen so auffallend träge auf den weltweiten Wettbewerbsdruck reagiert. Einem Kunden zuliebe von seinen Gewohnheiten abzuweichen ist in Deutschland nach wie vor nicht üblich. Ein bisschen mehr Mühe könnte zu ein bisschen unbezahlter Mehrarbeit führen, und das ist für die meisten deutschen Arbeitnehmer nicht akzeptabel, wie die Studie der Anglo-German Foundation herausfand.

Dafür ist auch der mangelnde Wettbewerb im Dienstleistungsbereich verantwortlich, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, wo die nationalen Märkte vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden. In der wettbewerbsintensiven Fertigungswirtschaft dagegen reißen sich deutsche Unternehmen ein Bein aus für ihre Kunden. \

 

Fünf Jahre noch

Das System, das allen an ihm Beteiligten die vielleicht besten Arbeitsbedingungen der Welt bietet, scheint sicher und erfolgreich zu sein - auf Kosten der fast vier Millionen Arbeitslosen, die um eine Rückkehr in die Arbeitswelt kämpfen. Die Frage ist, wie lange das noch gut geht.

Hans-Joachim Hass, Chefvolkswirt des BDI, vergleicht den Arbeitsmarkt mit einer Insel, deren Küste langsam aber sicher abgetragen wird. Er gibt ihm noch fünf Jahre. Erst dann wird es in Deutschland mehr Flexibilität geben. Und erst dann wird es möglich sein, freitags nach 12 Uhr noch einen Beamten ans Telefon zu kriegen.

 

 

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